Eine neue Motorradstudie liefert erstmals jene Daten zu Unfallursachen, die aus der allgemeinen Unfallstatistik nicht hervorgehen. Es wurde zwischen fremd- und selbstverschuldeten Unfällen unterschieden: Unfallursache Nr. Eins bei fremdverschuldeten Unfällen war, dass der Motorradfahrer vom Unfallgegner übersehen wurde. Bei selbstverschuldeten Unfällen war Übermut der Hauptunfallfaktor.
Mittels standardisierter Fragebögen wurden österreichweit 1.678 Zweiradfahrer zu ihren Hauptunfallursachen schriftlich und mündlich anonym befragt. Insgesamt konnten dabei 1.072 selbst berichtete Unfälle vertieft analysiert werden, davon waren 378 Unfälle fremdverschuldet und 694 selbst- bzw. teilverschuldet. Die Studie wurde von der Arge2Rad und dem Österreichischen Verkehrssicherheitsfonds finanziert und vom Verkehrspsychologen Gregor Bartl von „Alles-Führerschein.at” samt Team durchgeführt.
Bei den fremdverschuldeten Unfällen wurden folgende Ursachen analysiert:
1. 66% meinten, sie seien vom Unfallgegner schlicht übersehen worden
2. 14% gaben an, dass der Unfallgegner zu wenig Sicherheitsabstand gehalten habe
3. 5% meinten, dass der Unfallgegner alkoholisiert gewesen sei
4. 15% gaben sonstige Unfallursachen an
In 10% der Fälle vermuteten die befragten Motorradfahrer, dass der schuldhafte Unfallgegner sich absichtlich aggressiv gegenüber dem Motorradfahrer verhalten habe.
26% meinten, sie hätten den fremdverschuldeten Unfall noch vermeiden können – also den Fehler des anderen ausbessern: Erstens durch bessere Bremstechnik, zweitens durch nicht „schreckhaft Überreagieren”, drittens durch bessere Blicktechnik (siehe Grafik 1)
Bei den selbst- bzw. teilverschuldeten Unfällen wurden folgende Ursachen analysiert:
41% der selbst- bzw. teilverschuldeten Unfälle waren Stürze aus dem Stand bzw. sehr niedrigem Geschwindigkeitsbereich – also eher „Umfaller” statt Unfälle. Bei diesen „Umfallern” – meist mit nur geringem Sachschaden – war in erster Linie mangelnde Fahrgeschicklichkeit verantwortlich: 33%; gefolgt von „schreckhaft überreagiert”: 20%; „abgelenkt”: 18%; „übermotiviert zu riskant gefahren”: 11%; „gestresst und eilig: 6% und Müdigkeit: 3%.
Bei den selbst- bzw. teilverschuldeten fahrdynamischen Unfällen zeigten sich teilweise andere Hauptunfallursachen:
1. In erster Linie sind die Zweiradfahrer nach eigenen Angaben „übermotiviert (übermütig) zu riskant gefahren”: 26%
2. das Fahrkönnen reichte nicht aus für die schwierige Verkehrssituation: 22%
3. Abgelenkt: 20%
4. erschrocken und überreagiert: 16%
5. Müdigkeit war nur für 1% der Unfälle verantwortlich
Kaum eine Rolle spielten Alkohol, Drogen, Angeberei und schlechte Stimmung wie z.B. Frust und Ärger. In rund 95% der Fälle konnten die anonym befragten Motorradfahrer ihre Hauptunfallursache benennen, nur in 5% wurde „sonstige Unfallursache” angekreuzt
Sicherheit durch Routine
Unroutinierte Motorradfahrer weisen eine höhere Unfallrate auf als routinierte – die Unfallrate ist die Anzahl der Unfälle in Relation zur Fahrleistung: Motorradfahrer, die innerhalb der vergangenen 5 Jahre durchschnittlich nur 1.200 km pro Jahr gefahren sind weisen eine 7,5 Mal höhere Unfallrate auf als Motorradfahrer, die durchschnittlich 6.600 km pro Jahr gefahren sind.
Die meisten Unfälle ereigneten sich bei Tageslicht (nur 10% der selbstverschuldeten Unfälle ereigneten sich bei Dunkelheit), an Wochenenden, jeweils nachmittags, selbstverständlich primär in den warmen Monaten. Bei den selbst- bzw. teilverschuldeten Unfällen war die Fahrbahn in 50% der Fälle trocken, in 19% nass, in 15% war Streusplitt und in 6% Schnee auf der Fahrbahn. Fahrbahnschäden gab es in nur 4% der Fälle.
Unfalltypen
Hinsichtlich der Unfalltypen (verschuldensunabhängig) zeigte sich eine tendenziell hohe Übereinstimmung zwischen den Ergebnissen der vorliegenden Studie mit den Daten der Statistik Austria.
Unfalltyp vorliegende Studie Statistik Austria (Mot. 2006)
| Unfalltyp | vorliegende Studie | Statistik Austria (Mot. 2006) |
|---|---|---|
| Alleinunfall | 37,98% | 30% |
| Kreuzungsunfall | 32,32% | 38% |
| Auffahrunfälle | 16,69% | 18% |
| Überholunfälle | 5,52% | 9% |
| Sonstige Unfalltypen | 7,48% | 1% |
Dabei ist der höhere Anteil an Alleinunfällen in vorliegender Studie zu erwarten, da gerade Alleinunfälle häufig nicht gemeldet werden und somit nicht in die Datenbank der Statistik Austria einfließen können (ein Beispiel: ein Motorradfahrer kommt von der Fahrbahn ab und kann aber noch mit leichten Verletzungen und leichtem Sachschaden aus eigener Kraft nach Hause fahren). Diese hohe Übereinstimmung bei den „hard facts” der objektiv feststellbaren Unfalltypen unterstreicht die Plausibilität der Ergebnisse der gegenständlichen Studie, die nun erstmals auch die Analyse der „soft facts” ermöglichte – also die dahinterliegenden nur subjektiv bewertbaren Unfallursachen.
Gerade diese tiefer liegenden Unfallursachen sind für die Unfallvermeidungsarbeit essentiell. In gegenständlicher Studie zeigte sich somit, welche Ursachen hinter den jeweiligen Unfallumständen liegen: Bekanntlich ist der objektiv feststellbare Unfallumstand „Alleinunfall” (nur ein beteiligtes Fahrzeug) ein Hauptproblem. Durch vorliegende Studie konnte beantwortet werden, dass die dahinter liegende Unfallursache von Zweirad-Alleinunfällen mit 32% primär Übermut ist . Die Datenerhebung fand im Winter 2007 / 2008 in ganz Österreich statt.
| Durchschnittliche km pro Jahr | Anzahl Unfälle in 5 Jahren | Unfallquotient | 1 Unfall alle … Km | Unfallrisiko | |
|---|---|---|---|---|---|
| Wenigfahrer (n=242) | 1.155,37 | 383 | 0,33149606 | 3.650,12 | 7,5 |
| Mittelfahrer (n=272) | 2.876,18 | 343 | 0,11925532 | 11.404,01 | 2,4 |
| Vielfahrer (n=240) | 6.567,96 | 291 | 0,04430596 | 27.084,41 | 1 |
Detailauswertung der Studie
Quelle: ARGE 2Rad





















