Stop ! Bremsen !

11.08.2004 | Beitrag von Redaktion   

Beschleunigen ist gut – Bremsen ist besser

Inhalt


Mit dem Motorrad gekonnt zu bremsen, ist viel schwieriger als mit einem Auto. Vorder- und Hinterradbremse werden getrennt voneinander eingesetzt. Um den Bremsweg kurz zu halten, werden immer beide Bremsen gleichzeitig eingesetzt (selbst in Schräglage wenn notwendig). Den Bremsdruck so wählen, dass die Räder nicht blockieren.

Bei einer Notbremsung gleichzeitig die Kupplung ziehen !

Bremstechnik

Wird in Geradeausfahrt (not-)gebremst, verlagert sich das Fahrzeuggewicht auf die Vorderachse, entlastet die Hinterachse und führt im Extremfall zum Abheben des Hinterrades und darüber hinaus bis zum Überschlag. Beifahrer und/oder (schweres) Gepäck im Koffersystem verstärken diesen Effekt, da der Gesamtschwerpunkt des Fahrzeugs im Allgemeinen stärker angehoben, als nach hinten verlagert wird.

Diese dynamische Radlastverteilung bewirkt, dass die Bremskraft des Hinterrades geringer wird. Die Hinterradbremse jedoch immer mit betätigen, der Bremsweg wird kürzer!

Der Fahrer muss während des Bremsens zwei Dinge gleichzeitig tun:

1. Bei Erkennen eines Hindernisses mit der Vorderradbremse sofort stark bremsen, jedoch kurz vor Ende des Bremsvorganges die Bremskraft verringern.

2. Bei der Hinterradbremse zu Beginn möglichst hart auf das Bremspedal treten, dann jedoch nachlassen, da das Hinterrad im Verlauf des Bremsvorganges immer mehr entlastet wird.

Bei Notbremsungen vom Reisetempo bis zum Stillstand muss zusätzlich der Kupplungshebel gezogen werden. Bedingt durch den großen Geschwindigkeitsverlust ist ein zu hoher Gang eingelegt, das kann zum „absterben“ des Motors führen wodurch ein Blockieren des Hinterrades auftritt.

ABS

Ist in Alltagssituationen der Bremsvorgang noch beherrschbar, sind selbst geübte Fahrer in Extremsituationen zweifelsfrei überfordert.

Somit ist der Mensch auf weitere technische Unterstützung angewiesen. Kombinationsbremsen (CBS) und ABS gehören in der Motorradwelt zu den wertvollsten Erfindungen.

1. Kritische Fahrsituationen werden entschärft und retten im Extremfall Leben. Physikalische Bedingungen der Motorradbremsung haben die Konstrukteure herausgefordert. Der Einsatz leistungsfähigere Bremsen am Vorderrad waren der erste Schritt. Anschließend lösten Kombinationen unterschiedlicher Bremsen an Vorder- und Hinterrad das Einheitssystem der Trommelbremse ab. Beim ABS prüft eine Rechnereinheit, ob an den Rädern eine Blockade droht. Im Bedarfsfall öffnet im Druckmodulator ein Ventil. Der Druck im jeweiligen Bremskreis wird vermindert.

2. Die Bremsenzange öffnet sich, das Rad kann sich weiterdrehen.
Für eine Vollbremsung muss der Fahrer beide Bremsen möglichst hart betätigen.


Bremsen in Schräglage

Das Bremsen in Kurven (Schräglage) ist ein weiteres Gefahrenmoment.

1. Solche Situationen in der Regel grundsätzlich vermeiden.
Wenn möglich das Motorrad kurz aufrichten und nach dem Bremsvorgang wieder in Schräglage bringen. Ist das nicht mehr möglich und das Motorrad hat bereits Schräglage eingenommen, dann

2. Gas zurück nehmen und behutsam Vorder- und Hinterrad gleichzeitig abbremsen.
Ein spezielles Angebot von ABS für die Kurvenbremsung gibt es zur Zeit nicht. ABS hat bei der Kurvenbremsung keinerlei Vorteile bzw. Nachteile gegenüber konventionellen Bremsen.
Das Bremsen in Schräglage ist problematisch, da die Reifen zusätzlich mit der Seitenführungskraft der Fliehkraft entgegen wirken.

3. Die Summe von Bremskraft (oder auch Beschleunigungskraft) und Seitenführungskraft dürfen ein gewisses Maß nicht überschreiten.
Bei einer angemessenen Geschwindigkeit und angepasster Schräglage kann im Ernstfall noch eine beachtliche Bremskraft übertragen werden. Bei einer Vollbremsung bringt bereits eine geringe Schräglage die Maschine zum Sturz.

Blockierendes Hinterrad

Die Hinterradbremse dient zur Stabilisierung des Motorrades und zur Erhöhung der Bremsleistung. Deshalb die Hinterradbremse immer mit betätigen, der Bremsweg wird kürzer und die Fahrstabilität erhöht sich. Ein blockierendes Hinterrad führt nicht unbedingt zum Sturz. Mit Geschick kann das seitliche Ausbrechen bei einer Geradeausfahrt kontrolliert werden.

Blockierendes Vorderrad

Blockiert das Vorderrad, sofort Bremse lösen, sonst ist ein Sturz unvermeidbar.
Damit der Bremsweg nicht zu lang wird, in Notsituationen sofort wieder dosiert bremsen.
Bei Schräglage gibt es kaum eine Chance mit einem blockierenden Vorderrad einen Sturz zu vermeiden!

Trainings


Das Dosieren der Bremsen kann man optimal z.B. auf leeren Parkplätzen trainieren. Dabei kann man sich bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten an den Blockierpunkt der Räder herantasten.
(Bedenke: Ein getrenntes trainieren der Vorderbremse oder Hinterbremse ist kontraproduktiv, da wie oben beschrieben, die Lastverteilung eine große Rolle spielt und somit das Verhalten im Straßenverkehr völlig anders wäre!)

Das Trainieren von Notbremsungen ist auf jeden Fall zu empfählen. Im Anlassfall während der Fahrt kann der automatisierte Ablauf Leben rettend.

Physik beim Bremsen

Bedingt durch die Massenträgheit und die Nachgiebigkeit der Federelemente in Gabel und Schwinge führt Bremsen dazu, dass sich das Motorrad nach vorne absenkt und der Schwerpunkt in Richtung Vorderrad wandert. Gleichzeitig wird das Hinterrad entlastet.
Einige Hersteller haben sich diesem speziellen Problem angenommen z.B. BMW mit der Telelever und Paralever Konstruktion.

Dies führt im Extremfall zum Stoppie, bei dem das Fahrzeug ausschließlich auf dem Vorderrad fährt. Der umgekehrte Effekt tritt ein, wenn stark beschleunigt wird: das Hinterrad wird belastet und das Vorderrad entlastet, was zum Wheelie führen kann, bei dem das Motorrad nur auf dem Hinterrad fährt. Beides führt bei ungeübten FahrerInnen im ungünstigsten Fall zum Überschlag beziehungsweise Ausbrechen des Fahrzeuges.

Beim Bremsen verschiebt sich also der Schwerpunkt aufgrund der Massenträgheit nach vorne. Aus diesem Grund ist die Bremsleistung des Vorderrades größer als die des Hinterrades.


Lastverteilung



Unterschiedliche Motorradtypen haben unterschiedliche Lastverteilungen. Dies hat direkten Einfluss auf die individuelle Bremstechnik. Je mehr Last auf dem Hinterrad liegt, desto mehr kann die Hinterradbremse eingesetzt werden, desto später blockiert die Hinterradbremse.

Beispiele der Lastverteilung:
Chopper – Hinterrad oft mehr als 50%
Enduros – um die 30-40%
Straßenmaschinen – oft weniger als 10%

Die tatsächlichen Werte sind von Modell zu Modell unterschiedlich, diese Beispiele sollen nur die grundsätzlichen Unterschiede zeigen.

Zusammengefasst

So bremsen, dass die größtmögliche Verzögerung erreicht wird, verlangt Fingerspitzengefühl und Koordinationsvermögen. Äußere Bedingungen wie Fahrbahnbeschaffenheit (Kopfsteinpflaster, Splitt usw.), Wetterbedingungen (Nässe, Schnee, Glatteis) und Beladung (Gepäck, Sozius) erschweren das Ganze zusätzlich. Je nach Voraussetzung entsteht ein unterschiedlicher Reibwert, auf den der Fahrer sich einstellen muss. Technische Unterstützung hilft, die Selbstverantwortung des Fahrers kann aber nicht ersetzt werden.

Wird das Motorrad erstmalig nach dem ungeschützen Abstellen bei feuchtem Wetter benutzt, ist anfänglich mit verändertem Bremsweg zu rechnen.

Bei nasser Fahrbahn setzt die Wirkung von Scheibenbremsen später ein.
Sind die Bremsklötze verölt oder stark abgenutzt, so müssen sie erneuert werden.




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